Von Dreck und der Sehnsucht nach Inhalten

Wozu der ganze Dreck?

Diese Frage stellen sich dieser Tage wahrscheinlich viele, auch ich. Die Hauptgründe für Negative Campaigning aus meiner Sicht sind:

  • Demobilisierung der Unentschlossenen, vor allem derer, die zum politischen Gegner tendieren
  • Agenda-Cutting, also das Ablenken von unliebsamen Themen
  • Und gerade in Zeiten großer Informationsflut, das gezielte Erzeugen medialer Aufmerksamkeit

Dass die viel diskutierten Facebook-Seiten, solange sie noch online waren, dazu allzu viel beigetragen haben, darf bezweifelt werden. Hier war keine klare Strategie erkennbar, die Seiten waren mit rund 10.000 und rund 15.000 Fans vergleichsweise winzig und auch das Interaktionsaufkommen war, trotz des Einsatzes von Werbegeld, vergleichsweise gering. Die für mich schon am Montag in meinem ZiB 24-Interview spannendste Frage:

„Warum ist die ÖVP nicht schon im Juli gegen diese Seiten rechtlich vorgegangen?“

stellt sich zwar immer noch, mit den neuesten Entwicklungen und Aussagen von Peter Puller, kann man sich hier aber ein zunehmend klareres Bild machen.

Andere Negative Campaigning-Plattformen

Neu ist all das freilich nicht wirklich. Der ÖVP-nahe Blog Fass ohne Boden verfügt zwar, anderes als die von Silberstein und der SPÖ betrieben Facebook-Seiten, über ein Impressum, die dort versprochene „Unabhängigkeit von den politischen Parteien“ darf aber jedenfalls nach Lektüre dieses Falter-Berichts angezweifelt werden. Aktuell wird dort gemeinsam mit Oe24 eine Kampagne gegen die Frau des Bundeskanzlers gefahren, gegen die sie und auch Kanzler Kern sich diese Woche in viel diskutierten Videos wehren.

Die zweifellos größte Dreckschleuder nicht nur in diesem Wahlkampf, sondern schon weitaus länger, ist aber zweifellos unzensuriert.at. Schon 2012 musste die Plattform an den ORF-Journalisten Ed Moschitz 2.000 € Entschädigung wegen übler Nachrede zahlen. Mehr dazu auf Wikipedia. Im aktuellen Wahlkampf ist die Website eine beliebte Linkquelle für Posts von HC Strache.

Auch die SPÖ hat sich im Frühjahr diesen Jahres an einem eigenen Portal nach ähnlichem Vorbild versucht – politiknews.at ist aber mittlerweile wieder offline.

Die Liste ließe sich noch munter fortsetzen, ich stelle aber lieber die Frage:

Wie wärs mal mit echten Inhalten?

Als ein Symbol für die Sehnsucht nach Inhalten und Forderungen, die uns WählerInnen wirklich im eigenen Leben erreichen, kann die Performance dieses Posts von Peter Pilz gewertet werden:

Mit mittlerweile über 3.300 Shares ist dieser Post der am öftesten geteilte der Woche und einer der meist geteilten des gesamten Wahlkampfs. Damit schafft es Pilz diese Woche auf Platz 6 der erfolgreichsten Posts nach gesamtem Interaktionsaufkommen.

Die erfolgreichsten Posts der Woche

Ausgerechnet Kanzler Kerns Reaktion auf die Silberstein-Affäre war der erfolgreichste Post in dieser Woche, gemessen an der Gesamtinteraktion. Und die kam nicht, wie man vermuten könnte, durch viel Wut oder Traurigkeit zustande, sondern durch erstaunlich positive Reaktionen, unter denen einmal mehr die überdurchschnittlich vielen Herzerl auffallen. Hier macht sich offensichtlich eine „Jetzt-erst-recht-Stimmung“ breit, die der Mobilisierung der roten Community mehr nutzen als schaden könnte.

 

In Kerns zweiterfolgreichstem Post versucht er mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor den Fokus seiner Fans zurück auf die inhaltlichen Vorschläge der SPÖ zu richten und bekommt auch dafür ausgesprochen viel und ungewöhnlich positive Reaktionen:

Sebastian Kurz schafft es diese Woche mit seinem erfolgreichsten Posting nur auf Platz 7 des Rankings:

HC Strache deutet in seinem erfolgreichsten Posting diese Woche auf einen Zweikampf mit Sebastian Kurz hin:

Die vollständige Liste der 50 erfolgreichsten Posts der Woche, gereiht nach dem gesamten Interaktionsaufkommen und den unterschiedlichen Reactions, Kommentaren und Shares, inklusive aller Links zu den Beiträgen gibts hier:

Ranking nach gesamtem Interaktionsaufkommen
Ranking nach Shares
Ranking nach Kommentaren
Ranking nach Love
Ranking nach Wut
Ranking nach traurig
Ranking nach wow

Wer hat die Schlammschlacht der Woche gewonnen?

Wie in jedem unserer wöchentlichen Updates zum Social-Media-Wahlkampf, sehen wir uns auch diesmal wieder an, wie sich die „Marktanteile“ am Interaktionsaufkommen verteilen. So spannend und überraschend wie diese Woche war es aber bisher noch nie. Die großen Gewinner der Silberstein-Affäre sind überraschend die SPÖ und erwarteterweise alle kleineren Parteien. Während die kleineren bislang alle zusammen kaum über 10% kamen, haben sich ihre Werte diese Woche verdoppelt. Die Liste Pilz legt diese Woche enorm zu und überholt die Grünen und NEOS. Die SPÖ liegt in den bereinigten Werten unerreicht an der Spitze und lässt sowohl FPÖ (Differenz knappe 10%), als auch ÖVP (Differenz 21(!)%) weit hinter sich.

Wie kommt es zu den Werten in unserem Video?

Als Währung für unsere Analyse gilt das Gesamtvolumen an Interaktionen, also die Summe aus Reaktionen, Kommentaren und Shares, die im ausgewählten Zeitraum von den Parteien oder ihren Spitzenkandidaten, mit auf ihren Facebook Seiten veröffentlichten Beiträgen erzielt werden konnten. Gemessen wurde mit dem Analysetool Fanpagekarma. Die bereinigten Werte unterliegen der Annahme, dass sich das Interaktionsvolumen im gleichen Ausmaß auf die Länder aufteilt, wie die Fans. Nicht gemessen werden können Dark Posts der Wahlwerbenden. Welche Probleme das sonst noch mit sich bringt, habe ich in meiner Analyse vor zwei Wochen beschrieben.

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